Uralte Praktik mit modernen Mitteln: Ganzkörperkältetherapie bei -85℃

Sich Temperaturen von bis zu -85℃ auszusetzen, liegt jenseits unserer normalen Erfahrungswelt. Die meisten kennen nur Extremsituationen, die durch die Kombination aus hohen und niedrigen Temperaturen erzeugt werden wie zum Beispiel in der Sauna und der anschließenden willkommenen Erfrischung im kalten Schnee oder im Wellness-Kälteraum. Für die Erfahrung niedriger Temperaturen alleine scheint es abgesehen von der Kneipp-Kur in unserem westlichen Kulturkreis jedoch keine Praktik zu geben. Im Alltag meiden wir die Kälte so gut es geht und regulieren unsere Innenräume übers ganze Jahr auf eine ungefähr gleichbleibende Temperatur von 20-21℃. Über im Netz auftauchende Videos von Menschen aus Norwegen oder Russland, die in einer schneebedeckten Landschaft in den See springen oder unter der zugefrorenen Wasseroberfläche tauchen, schütteln wir meistens nur entsetzt und ungläubig den Kopf. Kälte ist für viele schlicht und einfach ein No-Go. Seit einigen Jahren lässt sich jedoch auch im westlichen Mainstream eine zunehmende positive Resonanz auf die bewusste Anwendung kalter Temperaturen beobachten.

Kälte als medizinisches Mittel und Wellness-Behandlung

Im medizinischen Bereich sind die positiven Effekte von Kälte bereits seit der Antike bekannt. Wo damals kaltes Wasser, Schnee und Eis verwendet wurde, steht heute die Kältekammer auf dem Therapieplan, die auf bis zu -85℃ herunter gekühlt werden kann. Auf diese Weise müssen Patient*innen nur für einen kurzen Moment (maximal 3 Minuten) in der Kammer verweilen; denn wie Pfarrer Sebastian Kneipp schon wusste: „Je kälter der Kältereiz, desto kürzer die Anwendung.“1 Behandelt werden so vor allem chronische Krankheiten wie Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew, Schuppenflechte, Multiple Sklerose, Neurodermitis oder Asthma bronchiale. Die Ganzkörperkältetherapie kann dabei helfen, den Verlauf der Erkrankung zu verzögern, die Schmerzen und Symptome zu lindern, Stress abzubauen und die Patient*innen zu mobilisieren. Jenseits des medizinischen Anwendungsbereichs wird die Kältetherapie heute auch immer mehr als Wellness-Behandlung bekannt: Hochleistungssportler*innen bauen sie in ihren Trainingsplan mit ein, um die Regeneration ihres Körpers zu beschleunigen und um ihren Energiehaushalt zu ökonomisieren, während Models und Influencer*innen auf kosmetische Effekte setzen. Dank der weltweiten digitalen Vernetzung und Personen wie Wim Hof ‒ der als Wegbereiter und Botschafter des Wissens von der Kraft der Kälte gilt ‒ wird die Kältetherapie allmählich immer populärer. Hof, der durch seine außergewöhnlichen Selbstexperimente und seine buchstäblich übernatürliche Leistung bekannt geworden ist (zum Beispiel ein Marathonlauf im nördlichen Polarkreis), hat maßgeblich dazu beigetragen, die Kälte von ihrem negativ behafteten Image zu befreien und ihre therapeutischen und leistungssteigernden Effekte  auch in der westlichen Welt bekannt zu machen. Was noch fehlt, ist die eingehende Zuwendung der Forschung. Denn obwohl es bereits eine Vielzahl an Untersuchungen gab, bei denen die positiven Effekte von Kälte auf den menschlichen Organismus unter die Lupe genommen wurden, konnte noch kein wissenschaftlicher Konsens hergestellt werden. Dies ist jedoch nur eine Frage der Zeit. Je mehr Menschen sich für das Thema Kältetherapie begeistern und je mehr es in den Sozialen Medien diskutiert wird, desto größer wird auch das Interesse der Forschung. Und vielleicht wird der Besuch einer Kältekammer irgendwann einmal so normal sein wie der Besuch einer Sauna oder einer Therme.

Quellen:

Dr. Außerer, Oskar; Dr. med. Thuile, Christian: Schneesauna. Die Wellness-Revolution. Eine Methode nach Dr. med. Christian Thuile. Wien 2014.


[1] Vgl. Dr. med. Christian Thuile, Dr. Oskar Außerer: Schneesauna. Die Wellness-Revolution. Eine Methode nach Dr. med. Christian Thuile. Wien 2014. S. 52.

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